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JOYS & DESIRES

JOHN HOLLENBECK & JBBG
Directed by Heinrich v. Kalnein & Horst-M. Schaffer

"Ein Quantensprung im großorchestralen Jazz" - so urteilte der Jazzkritiker Klaus Schulz beim Auftritt der JBBG anläßlich ihres Auftrittes beim Salzburger Jazzherbst. Seit ihrer Gründung vor fünf Jahren hat sich die JBBG beinahe aus dem Stand in die Oberliga der heimischen großen Orchester gespielt. Mit Beginn des Jahres 2003 agiert die Band nun in neuer Besetzung unter der künstlerischen Leitung von Saxofonist/Flötist Heinrich von Kalnein und Trompeter Horst Michael Schaffer.

Pressetext deutsch

Wenn Frank Zappa den Jazz im Ganzen schon vor drei Jahrzehnten wegen seiner funny smells ins
Gerede brachte, so ist dieses muntere Vorurteil heute insbesondere gegenüber Big Band sangebracht. Leider tut das Gros der Big Bands nicht das Geringste dagegen, mit diesem Ressentiment aufzuräumen, sondern pendelt zwischen Verwaltung und Vergewaltigung des Jazz. Nur ganz wenige Großformationen des Jazz beschreiten neue Wege oder berufen sich auf jene Traditionen, die die Big Band einmal zu einem maßgeblichen Klangkörper des Jazz gemacht haben. Die vor fünf Jahren gegründete Jazz Big Band Graz (JBBG) kann hingegen beide Tugenden in sich vereinen. In ihrem genialen Schlagzeuger John Hollenbeck hat sie einen Meister gefunden, der sie mit adäquaten Stücken ausstattet.

Der New Yorker Drummer und Komponist John Hollenbeck ist einer der vielseitigsten Jazzmusiker der Gegenwart. An der Seite von Philosophen des melodischen Jazz wie Fred Hersch, Bob Brookmeyer oder Kenny Wheeler entwickelte er ein weiches, flüssiges Spiel von federnder Dynamik, das eine unaufdringlich federnde Rhythmik stets mit sensibler Klanggestaltung verband. Mit David Krakauer und Frank London stärkte er die Klezmer-Avantgarde, mit Pablo Ziegler pflegte er den Tango Nuevo. Mit seinem Claudia Quintet schloss er an die Leistungen der innovativen New Yorker Downtown Scene an und mit Meredith Monk kreuzte er das Grenzland zwischen Jazz und Neuer Musik. Innerhalb der Intuition-Familie stärkte er Florian Ross und Henning Sieverts ebenso wirkungsvoll wie effizient den Rücken. All diese Errungenschaften fließen nun in seinen Kompositionen auf "Joys & Desires" zusammen, die er mit JBBG unter der Leitung von Heinrich von Kalnein und Horst Michael Schaffer umsetzt. Hollenbeck gerät ins Schwärmen, wenn er von der Grazer Big Band spricht. "Die Grazer Band ist zunächst einmal eine ganz normale Big Band mit Bläsern und einer Rhythmusgruppe, aber die Musiker dieser Band sind so offen für jede Art von Musik, daß sie eben doch keine ganz normale Big Band mehr sind. Man kann mit ihnen vielerlei neue Territorien betreten. Über die Jahre haben sie einen ganz unverkennbaren Sound entfaltet, sind auf dem besten Weg zu einer ähnlichen Institution in Europa wie das Vienna Art Orchestra."

Man kann sich Hollenbecks Stücke aus ganz unterschiedlichen Perspektiven annähern, kann in Klängen baden und entspannen, aber auch mit den Ohren zupacken, sich festkrallen und an seiner verwegenen Architektur laben. Hollenbecks Zugang zu seiner eigenen Musik ist so entspannt wie die Musik selbst. "Von Big Bands wird meist eine Art intellektuelle Musik erwartet. Entweder agiert sie im Umfeld des Swings oder völlig frei. Dazwischen gibt es wenige Spielräume. Natürlich steckt auch meine Musik voller intellektueller Details, die mühevoll ausformuliert sind, aber diese werden nicht in den Vordergrund geschoben. Ich will eine entspannte Musik schaffen, die man auch völlig unvorbereitet hören kann."

Mit herkömmlichem Big Band-Jazz hat "Joys & Desires" wenig gemein. Statt kompakt geblasener Kraftmeierei spielt Hollenbeck feinfühlig mit Stimmen und Stimmungen, Sphären und Atmosphären. Seine Stücke klingen nicht wie dick aufgetragene Blasmusik, sondern wie liebevoll getupfte Klangmalerei. Dabei geht es ihm weniger um individuelle Selbstverwirklichung der Beteiligten als um den größtmöglichen Zauber eines Stückes Musik, den Hollenbeck kompromißlos umsetzt. Gerade in den wuchtigsten Stellen vergißt man zuweilen ganz, daß man eine Big Band und nicht etwa eine verzerrte Gitarre oder einen elektronischen Sound hört. Die Musik muß für sich selbst sprechen, nur dann treten auch ihre Interpreten hinter ihr hervor. "Es gibt jede Menge Improvisation in meiner Musik, aber ich will keinen Raum für Solos schaffen", so Hollenbeck. "Sicher kann sich ein Solo mal ergeben, wenn es dem logischen Fluß der Musik nicht zuwiderläuft. Aber die Musik ist grundsätzlich nicht so angelegt. Ich habe versucht, mit wenigen Stimmen zu arbeiten. Normalerweise schreibe ich ja für kleinere Besetzungen. Insofern wollte ich auch die Big Band wie eine kleinere Gruppe klingen lassen. Ich habe maximal drei Stimmen übereinander gelegt, die man klar voneinander unterscheiden kann. Texturen sind mir wichtiger als die Improvisationen."

In Widerspruch mit dem Freiheitsbegriff des Jazz setzt sich Hollenbeck dennoch nicht. Auch er ist ein Vertreter höchster Freiheit der Gestaltung, doch setzt diese eben nicht erst im Moment der Aufführung ein. Er macht sich frei von kategorischen Vorgaben und strebt eine Metamusik an, wie sie zum Beispiel auch ein Gil Evans verfocht. Mit seinem engen Vertrauten, dem Sänger und Elektroniker Theo Bleckman an seiner Seite, stellt er Formen, nicht Traditionen oder Schulen in den Vordergrund. "Meine Musik ist zunächst einmal frei von Stil oder Genre. Es ist Musik, die für sich selbst spricht und dem Hörer die Freiheit gibt, eigene Entdeckungen zu machen. Ich muß sowieso davon ausgehen, daß es keine zwei Ohren gibt, die Musik auf die gleiche Weise hören. Die Stücke selbst sind zum größten Teil komponiert, aber ich schaffe Flächen, in denen die Musiker tun können, was sie wollen. Ich muß ihnen das nicht sagen. Oft arbeite ich in Kontexten, in denen ich Musikern sage, gestaltet einen Teil nach eurem Dafürhalten, aber dann halten sie sich doch ganz genau an meine Vorgaben. Den Musikern von JBBG brauche ich gar nichts vorzugeben. Sie finden diese freien Flächen selbst heraus und gestalten sie von sich aus mit einem hohen Maß von Freiheit."

"Joys & Desires" schlägt auch in einer anderen Hinsicht eine Brücke. Hollenbeck ist seit langem auf beiden Seiten des Atlantiks aktiv. Er trägt den Geist New Yorks nach Europa und das neue europäische Formbewußtsein zurück nach Amerika. Mit JBBG findet er die optimale Schnittmenge aus europäischem und amerikanischem Jazz. Kaum ein anderer Musiker unserer Zeit verwischt die Demarkationslinien zwischen dem Mutterland des Jazz und der Heimat der meisten Jazz-Instrumente so überzeugend und nachhaltig wie Hollenbeck. Doch mit seiner Ästhetik zollt er nur seinen persönlichen Erfahrungen Tribut. "Früher gab es sicher große Unterschiede zwischen europäischen und amerikanischen Musikern. Aber heute haben fast alle europäischen Musiker entweder in Amerika oder bei Amerikanern studiert und die meisten amerikanischen Musiker leben entweder in Europa oder sind ständig in Europa unterwegs. Die Unterschiede sind daher kaum hörbar. Sicher mache ich die Erfahrung, daß eine amerikanische Big Band eine Komposition viel schneller vom Blatt spielt als eine europäische Formation. Aber das spielerische Level ist absolut ausgeglichen."

John Hollenbeck und JBBG fällt es nicht schwer, Big Band Afficionados in Ekstase zu versetzen. Ihre eigentliche Leistung besteht jedoch darin, daß sie auch jene unschwer auf ihre Seite ziehen, ja mehr noch, mit ihrer Klangmagie unheilbar infizieren, die den Glauben an die Kraft und Schönheit der Big Band längst aufgegeben haben.


Pressetext englisch

If Frank Zappa was commenting on the jazz canon on account of its funny smells even three decades ago, this sharp criticism is no less appropriate as it applies more specifically to the big bands of today. Unfortunately, most big bands do not even make the smallest effort to clear away this resentment, but rather vacillate between managing and mutilating jazz. Only very few large jazz ensembles are exploring new directions or reclaiming those traditions which once turned the big band into one of the most important voices in jazz. However, the Jazz Big Band Graz (JBBG), founded five years ago, combines both virtues with the brilliant drummer John Hollenbeck as the master supplying the band with the appropriate pieces.

The New York drummer and composer John Hollenbeck is one of the most versatile contemporary jazz musicians. Side by side with philosophers of melodic jazz such as Fred Hersch, Bob Brookmeyer or Kenny Wheeler, he has developed a smooth, fluid way of playing, characterized by an ever-changing dynamic that combines unobtrusive, swinging rhythms with sensitive tones. He has strengthened the Klezmer avant-garde together with David Krakauer and Frank London and cultivated the Tango Nuevo with Pablo Ziegler; with his Claudia Quintet, he has joined the ranks of success among the innovative New York downtown scene, and in his collaborations with Meredith Monk, crossed the border between jazz and New Music; as a member of the Intuition family, he has supported Florian Ross and Henning Sieverts in a manner as striking as it is efficient. All of these achievements have melded together in his compositions on "Joys & Desires", an album that has come to fruition with JBBG under the direction of Heinrich von Kalnein and Horst Michael Schaffer. Hollenbeck is enthusiastic when speaking of JBBG: "The Graz band is first and foremost a regular big band with horns and a rhythm section, yet the musicians are so open to any style of music that they can no longer be defined as a typical big band. One can explore a lot of different new territories with them. Over the years, they have developed a unique sound and are well on the way to becoming an institution in Europe similar to the Vienna Art Orchestra."

Hollenbeck's pieces can be approached from different angles; you can bathe and relax in waves of sound, or you can delve deep and listen wholeheartedly while feasting on the adventurous architecture of the compositions. Hollenbeck's approach to his own music is as relaxed as the music itself. "Most people expect a kind of intellectual music from big bands. It is either associated with swing or with total freedom. There is not much leeway in between. My music is definitely full of compositional details, formulated sometimes with great effort, but these details don't have priority. I strive to create music that is accessible to and can be appreciated by a wide variety of audiences. "Joys & Desires" has little in common with ordinary big band jazz. Instead of offering dense and swaggering brass sounds, Hollenbeck sensitively plays with voices and moods, spheres and atmospheres. His pieces do not sound like wind music layered on thick, but like caringly brushed paintings of sound. It is less about the individual self-realization of the musicians involved, but rather creating the greatest possible magic in a piece of music, an approach he puts into practice without compromise. Especially when listening to the heavier passages, the listeners are likely to entirely forget that this is a big band and not, say, a distorted guitar or an electronic sound. The music has to speak for itself, only then will the performers emerge from behind it. "There is a lot of improvisation in my music, but I'm not specifically creating space for solos," says Hollenbeck. "Of course placing a solo in a piece makes sense if doesn't go against the logical flow of the music. But basically, the music isn't structured around solos. For this project, I've tried to work with only a few voices in hopes of getting the big band to sound like a smaller ensemble. In many instances, I have put a maximum of three voices on top of each other, so the voices can be distinguished clearly. In general, textures are more appealing to me than improvisations."

Nevertheless, Hollenbeck does not see himself as being inconsistent with the principle of freedom in jazz. He, too, represents the utmost freedom of interpretation, which, however, does not start at the moment of performance, but earlier. He frees himself from categorical instructions and strives for a meta-music in the style of Gil Evans. Together with his close friend, the singer and electronics specialist Theo Bleckman, he emphasizes shapes instead of traditions or methods. "My music is, for the most part, free of style or genre. It is music which speaks for itself and gives listeners the freedom to make their own discoveries. I have to assume that there are no two ears listening to music in the same way. The pieces are mostly composed, but I create spaces where the musicians have a lot of freedom. I often work with other groups where I have to tell musicians exactly the type of sound or feel I want in these spaces, but I leave it up to them as to how they will create that sound. The JBBG musicians do not require this type of direction, they interpret these sections with a high degree of freedom."

"Joys & Desires" builds yet another bridge: Hollenbeck has been active on both sides of the Atlantic for a long time. He has carried the spirit of New York to Europe and the new European formal awareness back to the USA. With JBBG, he has found the best possible intersection of European and American jazz. Hardly any other contemporary musician blurs the lines of demarcation between the mother country of jazz and the home of most jazz instrument as convincingly as Hollenbeck. Although his aesthetic sense pays tribute to his own personal experience. "There used to be large differences between European and American musicians. But today almost all European musicians have studied either in America or with Americans, and most American musicians either live in Europe or are constantly on tour in Europe. That is why the differences are hardly audible. Surely I find that an American big band can sight-read a composition quicker than a European ensemble, but in the end, the playing levels are absolutely identical."

John Hollenbeck and JBBG can easily send big band aficionados into a state of ecstacy. However, their true achievement is that they get the people who have long since lost their faith in the power and beauty of the big band on their side, and what's more, infect them with their magical sound.


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